Review: Internet-Meme – kurz & geek

Für diesen Post wurde eigens die Kategorie Reviews eingerichtet. Dass es in der Vergangenheit keine gab, lag weniger an Faulheit und chronischem Zeitmangel als an der Tatsache, dass wahrscheinlich niemand seine Exemplare zwischen Nonsens und Bierspielen wiederfinden möchte. Für die O’Reilly-Neuerscheinung “Internet-Meme – kurz & geek” von Christian Heller und Nils Dagsson Moskopp gilt das nicht: Wo, wenn nicht hier, muss das erste deutschsprachige Buch über Rickrolls und Rage Comics besprochen werden?

Internet-Meme-kurz-und-geek-OreillyBild: © CC-BY-SA nerd-gold.de

Kurz zu den Autoren: Moskopp wurde bei Nerd Gold bereits auffällig, Heller dürfte von der Spackeria bekannt sein. Die beiden liefern 236 eng, aber nicht zu eng bedruckte Seiten mit 116 SW-Abbildungen und manischen 642 Fußnoten. Von den biologischen Grundlagen der Memetik geht die Reise über die Entstehungsbedingungen von Memes (ihre “Ökosysteme”) hin zu einer medial geordneten Kaskade von Mem-Beispielen und endet schließlich in zwei kurzen Abschnitten über “Mem-Politik” und Vereinnahmungsversuche durch die Werbeindustrie. Lesenswert ist auch die kleine Mediengeschichte von der Fackelfeuer-Telegrafie bis zum frühen Web (in nur 20 Seiten!).

Das Buch ist dankenswerterweise CC-lizensiert (derzeit NC) und versteht sich durchaus bescheiden als “eine erste Einführung” ins Thema (S. 217). Trotzdem ist von den Silly Cows in ASCII bis zum durchproduzierten Harlem Shake so ziemlich alles Nennenswerte dabei, nur das auf dem Cover zitierte Allyourbase hat es letztlich doch nicht ins Buch geschafft. Die endlose Auswahl an Memes, besonders die der Bildmakros, wurde hier also sinnvoll reduziert. Eine kleine Fundgrube bleibt das Buch trotzdem: Die historische Merkbefreiung z.B. war vor meiner Zeit und gehört dringend wieder eingeführt. Umgekehrt erfahren arrivierte Usenet-Veteranen, was aus dem Trojan Room Coffee Pot geworden ist.

Abseits der Pflichtthemen gibt es sehr, sehr tiefe Einblicke in einschlägige Imageboards und hermetische Usergruppen. Die Sprache bleibt dabei weitgehend trocken, die Intention deskriptiv. Besonders lustig wird das, wenn etwa das Badger-Flash oder pornografische GIFs minutiös ins geschriebene Wort übertragen werden. Fraglich bleibt hingegen, ob Eigennamen wie Happy Cat (S. 76f.) oder Meme Generator (S. 81) wirklich eine erläuternde Übersetzung benötigen. Sehr hilfreich wiederum ist der alphabetische Index.

Insgesamt ist das Buch sehr zu empfehlen für User, die ihren Lolcats-Tellerrand ernsthaft erweitern möchten oder ein bombensicheres Dankeschön für den hilfsbereiten PC-Fixer suchen (jeder Nicht-PC-Fixer hat einen). Gelegenheitsnutzer werden es als systematische Einführung schätzen, Bernds und Anons als geschichtliche Darstellung. Aus der Distanz ist es nämlich nicht nur ein Guide für digitale Inside-Jokes, sondern eine kleine Kulturgeschichte des Netzes mitsamt seiner dunklen Ecken.

Ein Rat sei deshalb gerichtet an Menschen ohne Vorerfahrung mit anarchistischem Trollhumor: Das Web ist eine Klowand. Ohne die obligatorischen Ekel-Storys kommt dieses Protokoll nicht aus. Dass dabei auch über besonders geschmacklose Memetika in akademischer Neutralität parliert wird, dürfte manche Leser irritieren. Umso mehr insofern, als an ausgewählten Stellen eben doch implizit Position bezogen wird – zu Uhl, zu #aufschrei und zum US-amerikanischen Kulturraum. Aber welche Insider-Information hat kein Geschmäckle?

Website zum Buch
Buch bei O’Reilly
Hintergrundinformationen

One thought on “Review: Internet-Meme – kurz & geek”

  1. Interessante Idee, gerade weil das Buch in gedruckter Form erhältlich ist. Bei Themen über das Internet und bald auch bei allem andere ist das ja schon eine Art Seltenheit. Was hierbei natürlich schade ist, dass es wohl noch keine Informationen für die kommenden Generationen der Internetmemes bereithalten wird.

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